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Schrägstrich, Lücke, Stern: Eine kleine Anleitung des Genderns

Letzten Montag war Weltfrauentag. Heute ist wieder Montag und die Blumen, die es überall im rosaroten Sonderangebot gab, lassen ihre Köpfe bereits hängen. Das Problem, auf das der feministische Kampftag aufmerksam macht, besteht jedoch weiter. Wer am 8. März eifrig feministische Inhalte teilt, sollte auch die anderen 364 Tage im Jahr aktiv gegen sexistische Diskriminierung einstehen. Ein Ansatzpunkt ist und bleibt dabei die Sprache: niedrigschwellig, omnipräsent und wirksam.

Ich bin ganz sicher nicht die Erste, die eine gendergerechte Sprache diskutiert und fordert. Trotzdem  habe ich die komplexe Frage nach dem „Warum?“ und „Wenn ja, wie?“ einmal zusammengefasst – aus Sicht einer Texterin und Journalistin, Konzepterin und Feministin. Denn nicht nur aus sprachlicher und ideologischer, sondern auch aus markenstrategischer Sicht ist das Gendern ein Thema. Aber Achtung, Sprache unterliegt einem stetigen Wandel und so kann dieser Beitrag genauso schnell verwelken wie besagte Blumen.

„Gründe der besseren Lesbarkeit“ sind kein Grund

„Gendern“ als Antwort auf die Frage nach einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch ist von der politischen Peripherie langsam, aber sicher in die Tagesthemen, die Agenden deutscher Städte und sogar auf die Lippen des ein oder anderen CIS-Mannes vorgedrungen. Gendern bedeutet, von einem generischen Maskulin – also einer geschlechtsübergreifenden Verwendung eines maskulinen Wortes wie der Freund bzw. die Freunde für deinen gesamten Freundeskreis – zu einer Form der Sprache zu gelangen, die alle Menschen miteinschließt. Auch nichtmännliche Personen in seiner Sprache nicht nur mit zu meinen, sondern auch zu nennen, wird im Genderdiskurs als Sichtbarmachung eben jener Personengruppen gesehen. Dabei geht es um Gendergerechtigkeit, aber auch um eine Genderneutralisierung – denn nicht immer ist überhaupt entscheidend, welches Geschlecht wir gerade meinen. Somit ist das Gendern nicht nur eine sprachliche Façon, sondern auch eine politische Haltung.

Dass man ja selbstredend „immer alle mit meine“, ist übrigens erwiesenermaßen falsch: Studien zeigen, dass Lesende eher an Männer denken, wenn von „Ärzten“ die Rede ist, auch wenn es um eine geschlechtlich diverse Gruppe von Menschen geht.   

Doch auch auf inhaltlicher Ebene kann das generische Maskulin für so viel Verwirrung sorgen wie das deutsche Steuersystem: Wenn wir zum Beispiel konstatieren, in Kindergärten fehle es an Erziehern, so könnten wir einerseits meinen, dass es insgesamt nicht genug Personen gibt, die sich um unseren Nachwuchs kümmern, oder eben auf das gesellschaftliche Problem fehlender Männer in dieser Berufsgruppe hinweisen. So schafft Gendern auch inhaltliche Klarheit und vermag es, Stereotype aufzuheben (Börsenchefin! Kindergärtner!).

Ich könnte hier, mit hitzig-erhöhtem Fingerdruck auf der Tastatur noch weitere Gründe und Facetten dieses Diskurses aufgreifen, fasse mich aber kurz und beantworte die Frage „Soll ich gendern?“, klar mit ja. Ein nett gemeinter Satz à la „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet und das generische Maskulinum verwendet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beide Geschlechter“ genügt heute nicht mehr, wenn wir wirklich zu einer gerechten Sprache finden wollen. Und nein, auch ein (m/w/d) reicht in meinen Augen nicht aus – schon allein, weil wir hier eine Hierarchisierung der Geschlechter durch Reihenfolge vornehmen.

Schwarz-weiß steht Dalmatinern deutlich besser

Wer bis hierhin nickend meinen Worten gefolgt ist, stellt sich nun vielleicht die Frage: Welche Form des Genderns soll ich denn nun verwenden? Als wir erkannten, dass es nicht nur Ärzte, Besucher und Politiker gibt (ein Glück!), fiel der Blick zunächst auf das andere Geschlecht. In einer binären (also auf zwei Polen beruhenden) Unterteilung wollte man nun auch Ärztinnen, Besucherinnen und Politikerinnen inkludieren.

Folgende binäre Möglichkeiten gibt es hier:

  • Die Doppelnennung: Freunde und Freundinnen
  • Das Binnen-I: FreundInnen
  • Der Schräg- und Bindestrich: Freund/-innen
  • Der Schrägstrich: Freund/innen

Letztere ist übrigens die bis dato einzige, vom anerkannten Regelwerk DUDEN abgedeckte, Schreibweise, möchte ich an dieser Stelle mit meiner Redigierbrille auf der Nase hinzufügen.

Während gegen Dalmatiner, Klaviere und Schachbretter nichts einzuwenden ist, bringt uns ein Schwarz-Weiß-Denken im Genderkontext leider nicht weiter. Hinzu kamen also Varianten des Genderns, die auch Personen mit einer non-binären Geschlechterzuordnung (weder Mann, noch Frau) Tribut zollten. Diese wurden, nur nebenbei und doch ein gutes Argument in jeder hitzigen Genderdebatte, seit 2018 für das Geburtenregister in der Bundesrepublik Deutschland auch für zulässig erklärt.

Folgende non-binäre, inklusive Möglichkeiten gibt es:

  • Gender Gap: Freund_innen
  • Doppelpunkt: Freund:innen
  • Gender-Sternchen: Freund*innen

Und vereinzelt rutschen ambitionierten Genderüberzeugten auch die Finger auf andere Tasten wie dem Mittelpunkt (Freund·innen) aus, der übrigens keine gute Wahl ist, da er als Zeichen der „einfachen Sprache“ zugeordnet wird.

Die Gender Gap war der erste Versuch des Philosophen Steffen Kitty Herrmann, das Problem non-binär zu lösen; dabei stellt der Unterstrich den Raum zwischen den beiden Geschlechtern dar, der exploriert werden soll. Der Doppelpunkt ist vor allem optisch ein Gewinner, da er den Lesefluss wohl am wenigsten stört und somit, so argumentieren dieser Tage viele, auch für Menschen mit Behinderung und Blinde, die auf ein Lesegerät angewiesen sind, lesbar ist. Überzeugt hat das übrigens auch Größen wie LinkedIn, die mich über meine „Profilbesucher:innen“ informieren. Eine historische oder semiotische Herleitung können die zwei Pünktchen allerdings nicht liefern – im Gegenteil suggeriert das gelernte Schriftzeichen eigentlich eine Aufzählung oder Erläuterung, die dann aber ausbleibt.

Last, but not least hat sich vielerorts das Gendersternchen etabliert. Disruptiv, nahezu aufmüpfig, streckt es seine kleinen Arme in alle Richtungen und zeigt damit die Diversität jener Geschlechteridentitäten auf, die es zu repräsentieren versucht. Das „hochgestellte Asterisk“, wie es offiziell heißt, kommt ursprünglich aus der Informatik und ist ein Platzhalter für „eine beliebige Zahl von Buchstaben“, was mehr als passend scheint.

Meine Empfehlung: Nach den Sternen greifen

In Sachen Gendern greife ich nach/zu den Sternen. Das Gendersternchen punktet für mich mit einem semiotischen Überbau, einer symbolischen Raffinesse und einem disruptiven Moment. Denn der Wunsch – oder sollte ich Kampf sagen – nach Gleichberechtigung muss sich nicht verstecken und in den Lesefluss einbinden. Er darf irritieren, das Auge stolpern lassen, unbequem im Textbild sein – denn er steht dort für eine unbequeme Wahrheit. Mit jedem Mal, das wir durch das Sternchen innehalten, reflektieren wir über seine Aussagekraft – und hasten nicht darüber hinweg wie bei einem kleinen Doppelpunkt. Dem Sternchen wird sogar von oberster Stelle ein wenig Freiheit erlaubt: Natürlich ist Beamt*innen rein grammatikalisch falsch (der männliche Plural wäre Beamte, das „e“ wird hier jedoch gestrichen), aber wenn selbst der Duden konstatiert, dass „sich der Sprachgebrauch in letzter Zeit von starren Regeln loslöst“, dann bin ich vorne mit dabei, dies auch zu tun.

Als Journalistin trage ich den Spannungsbogen stets in meinem Köcher – und habe bis zu dieser Stelle vermieden, meine persönliche Empfehlung im Text zu verwenden. Einerseits möchte ich natürlich die Lesezeit auf meiner Website erhöhen, andererseits zeige ich hier eins: Das ist möglich. Denn inklusiv und progressiv zu schreiben, heißt nicht nur, den aufmerksamkeitserheischenden Stern zu setzen, sondern auch, kreativ zu werden. Viele vermeintliche Gendermomente sind nämlich vor allem eins: vermeidlich (Ich weiß, dass es vermeidbar heißen müsste, but give me that moment here, please). Hier helfen Datenbanken wie Geschickt Gendern, die für die Raucherpause das Wort „Zigarettenpause“ vorschlagen und „Expertenwissen“ mit „Fachwissen“ ersetzen. Und auch Worte wie „Mensch“, „Person“, „Gast“ und „Mitglied“ bringen uns nicht in die Bredouille, während eine Substantivierung wie bei „Studierende“ ebenfalls eine gute Lösung sein kann.

Von Pflicht und Kür

Zu guter Letzt sei gesagt, dass noch vor einigen Jahren das Binnen-I einer sprachlichen Revolution gleich kam, der Schrägstrich mal das Maß der Dinge war und der Doppelpunkt weiter Einzug erhält. Sprache ist – und das liebe ich – fluide und so ist es die politisch-ideologische Ebene, die dieses Thema beeinflusst. Eine stetige Auseinandersetzung mit dem Status quo ist also die Kür des Genderns.

Wer mir bis hierhin gefolgt ist, meint es ernst. Zur Belohnung gibt es hier die Zusammenfassung:

Am Ende bleibt mir noch zu sagen: Ich bin natürlich gern behilflich, Texte einheitlich zu gendern. Als Texterin, Lektorin und … Feministin.

Quellen:

DUDEN: Die geschlechtsübergreifende Verwendung maskuliner Formen.

DUDEN: Gendern für Profis: zusammengesetzte Wörter mit Personenbezeichnungen.

DUDEN: Geschlechtergerechter Sprachgebrauch.

Geschickt Gendern: Das Genderwörterbuch.

Hecht, Marie (Supernovamag): Doppelpunkt statt Gendersternchen?

Universität Rostock: Übersicht für eine gendergerechte Schreibweise: Unterstrich, Sternchen oder Doppelpunkt?

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2 Bändchen und 1 Badge

Dieser Sommer ist definitiv nicht, was ich erwartet habe. Was er aber auch nicht ist: schlecht. Ein Beitrag darüber, was es für mich bedeutet, zwei Festivalbändchen und ein Namensschild zu tragen.

Wenn ich an den April 2020 denke, sehe ich eine frischgebackene Kulturwissenschaftlerin, die fassungslos Tagesschau guckt. Die ohnmächtig zusieht, wie der reißende Fluss kultureller Sommerplanung erst ein Bach und mit jeder weiteren Verordnung ein Rinnsal wird, bis da nur noch die Pfütze digitaler Ersatzveranstaltungen ist. Aber ich sehe auch eine Optimistin, die trotzdem ihren Badeanzug rausholt … und springt. Ein Sprung in die kribbelnde Ungewissheit einer Selbstständigkeit kurz nach dem Studium.

Meine liebste Tanline: Schmale weiße Streifen am Arm

In meinem letzten Beitrag habe ich ja bereits über das Zeitgleich Festival berichtet. Mit einem Konzept aus unserer Feder gingen wir gemeinsam mit dem Sound of the Forest Festival und dem Watt en Schlick Fest an den Start, um als Zeitgleich Festival 4 Bühnen, 15 Acts und 8 Stunden Live-Stream auf arte concerts zu bringen. Mit leicht(er) bepacktem Reiserucksack ging es für mich Ende Juli in den Harz – hier folgten Tage absoluter Glückseligkeit. Denn wo sonst Augenringe, Funkgeräte und elektrisierender Stress das Bild prägen, hatte ich diesmal Zeit, Gespräche zu führen. Abends am Lagerfeuer, mit Menschen, mit denen ich seit Jahren Seite an Seite das Rocken am Brocken Festival aufbaue, aber nie wirklich ins Gespräch komme. Und vor der Kamera, wo ich zusammen mit Piet, unserem Bildprofi am Brocken, eine Interviewreihe zur aktuellen Situation, dem Zeitgleich Festival und den vielen schönen Geschichten rund um unser Festival moderiert habe. Und kurz vor Beginn des Zeitgleich Festivals – mit dem übrigens nicht nur wir, sondern auch arte sehr zufrieden war – gab es mein erstes Festivalbändchen dieses Jahr.

Cari Cari auf unserer Bühne – Girl Crush par Excellence

Übrigens: Mit einem ausgereiften Hygienekonzept, Disziplin und herzlichsten Ellenbogenbegrüßungen sind alle Helfer*innen vor Ort gesund, ja sogar beglückt, wieder abgereist. Ein Glück, denn sonst hätten wir 8 Stunden HD-Live-Material eines Superspreader-Events. Scherz.

Festival für Festivals: Analoge Seiten eines digitalen Formats

Mein zweites Bändchen gelangt im wahrsten Sinne des Wortes eigenhändig an mein Handgelenk: Ich ziehe es aus der „Festival für Festivals“-Box und zupple den schwarzen Verschluss selbst zu. Was ich noch aus dieser Box ziehe? Nagellack gegen die schwarzen Ränder, die man sonst nach drei Tagen Matsch unter seinen Nägeln hat, ein lebensgroßes Dixikloposter für Festival Feels am heimischen Örtchen und ein wunderschön gestaltetes Magazin, das mit wertigem Papier und schönen Fotos direkt gelesen werden will (lieber auf dem Sofa als im Campingstuhl, das gebe ich zu).

Ein Magazin, das von außen und innen überzeugt

Auf Seite 83 dann der kleine Herzhüpfer: Ein Artikel über den pandemischen Status Quo europäischer Festivals von mir. Das zweite Band also ein Zeichen der Verbundenheit mit der Aktion „Festival für Festivals“ und dem vortatendrangstrotzendem Höme-Team. Letzteres hat es geschafft, ein Wochenende voller Solidarität und Spaß zu veranstalten, das zeigt, dass digitale und dezentrale Formate doch cool (sagt man noch cool?) sind, wenn man sie richtig macht.

Wusste bei der Wahl meiner Wandfarbe natürlich schon, was dieses Jahr in ist

Hi I’m Lara and I’m part of the team

Das dritte Andenken an den Veranstaltungssommer 2020 ist kein Bändchen, sondern ein Namensschild. Und ein T-Shirt. Und 3 neue Prints, die meine bislang noch weiße Wand über dem Essenstisch zieren. Und ein neuer Arbeitskontext, den ich nicht missen möchte: Die Indiecon von Die Brueder Publishing. Ich bin zeitnah vor der Veranstaltung bei dem inspirierenden Team dazugestoßen und habe mich der PR, der Voluteer Koordination und einem Veranstaltungsformat angenommen. Kopfüber in ein Veranstaltungsgenre, das ich so noch nicht kannte.

Die Indiecon hat für mich an drei Tagen erfolgreich gezeigt: Man kann auf einer Großveranstaltung in Persona zusammenkommen, auch in diesem Nicht-Jahr. Schlichtweg überwältigend war der Zuspruch von Besucher*innen und Ausstellenden, die mit klinisch desinfizierten Händen durch die herrlichen Magazine am Oberhafen blättern durften. Irgendwann sind mir zwar die Antworten auf diese Lobeshymnen ausgegangen (einmal Smalltalknoob, immer Smalltalknoob (sagt man Noob noch??)), das Lächeln ist aber geblieben. Bis heute, wenn ich auf mein Handgelenk schaue.

Veranstalten dürfen in 2020 – so macht man Lara glücklich.

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Neue Zeitgeister beschwören

Und dann saßen wir da, am 15. April 2020. Dieses Datum hat sich wohl bei allen Festivalveranstalter*innen Deutschlands gleich einer sirrenden Tattoonadel unter die Haut gebrannt. Wir können nicht stattfinden, sagt Merkel. Schockstarre. Wie löst man sich aus diesem Zustand, der den ganzen Körper umspannt?

Klar, warum nicht gleich die Weltherrschaft

Meine persönliche Schockstarre löst sich mit einem Anruf von Markus. Markus ist der Initiator, Gründer, Weitertreiber, Krisenmanager und Papa vom Rocken am Brocken. Und ein guter Freund von mir. „Weißt du, was wir jetzt machen müssen?“, fragt er mich. „Wir müssen jetzt ein Konzept entwickeln, Festivalkultur ins Digitale zu übertragen. Wie die Streams, die jetzt soziale Medien fluten, aber in geil.“ Ich lächle müde und frage mich, wo dieser Mann seine Steh-auf-Männchen-Attitude hernimmt. „Und dann?“, frage ich matt in den Hörer. „Und dann pitchen wir das ARTE.“ Mein müdes Lächeln erblüht zu einem trockenen Auflachen. Klar, warum nicht gleich die Weltherrschaft. Aber dann fangen wir an zu spinnen: Es müsste schöne Bühnen geben, keine lieblos abgehängten Tower links und rechts. Da muss soziale Nähe bei physischer Distanz sein, aber irgendwie digital. Und Festivals müssen irgendwie im Garten stattfinden.

Die Geister, die ich rief

Und dann überschlägt sich meine Stimme: „Und weißt du, wie wir das Ganze nennen? Zeitgeist Festival!“. Warum diese Idee meinen Kopf stürmt wie die Franzosen 1789 die Bastille: Auf der einen Seite, weil im März 2020 die Tagesschau nur von Geisterspielen zu berichten weiß. Von leeren Stadien, noch bevor die Kneipen zu Geisterkneipen wurden und die Innenstädte zu … naja, ihr ahnt es. Und auf der anderen Seite spüre ich dieses Brodeln, dass die Pandemie ausgelöst hat. Neue Formate, Zusammenschlüsse und Ideen in der Kulturlandschaft sprießen hervor, sind gar nicht aufzuhalten. Ein neuer Zeitgeist für Festivals und die Musikbranche muss her – denn Musik findet immer ihren Weg. Und wir müssen diese Geister beschwören! Markus holt Hannes ins Boot, wir sind ein gutes Team. Die Ideen kommen von ganz allein und überschlagen sich in nächtlichen Zoomcalls. Schnell ist uns klar, dass wir diese Geister nicht alleine beschwören wollen. Das Appletree Garden Festival (das leider letztlich wieder ausscheiden musste), das Sound of the Forest Festival aus dem Odenwald und das Watt en Schlick Fest aus dem hohen Norden werden zu unseren Mitbeschwörern. Warum ausgerechnet diese wunderbaren Independent-Festivals? Wir finden nämlich zeitgleich statt und stellen – das sage ich mal ganz unbescheiden – sonst die junge Festivalnation Jahr vor Jahr vor die schwierige Entscheidung, wo sie am letzten Juli- bzw. ersten Augustwochenende ihr Zeltlager errichten sollen. In einem digitalen Format müsste man sich da endlich nicht mehr entscheiden – ein Lichtblick.

Zeitgleich – ein gutes Stichwort

Der Pitch zu dem Konzept stammt – eine gut erprobte Arbeitsteilung – aus meiner Feder und wird mit hoffnungsvollem Blick auf den Senden-Button an den renommierten TV-Sender geschickt. Was dann folgt, ist ein durchaus aufwendiger Kommunikationsprozess, gespickt mit Tausend Unwägbarkeiten, die gespenstisch um die Grundidee schweben. Ein großes Thema: der Name. Denn das „Zeitgleich Festival“ gibt es schon (Mist!) und so wird unser Projekt zum „Geist der Zeit Festival“, was in seiner Bedeutung so gut ist, dann aber doch etwas sperrig über die Lippen geht. Der Impuls kommt vom Watt En Schlick-Team, die parallele Austragung zum Anlass zu nehmen und unser gemeinsames Projekt „Zeitgleich Festival“ zu nennen. Gut, machen wir so!

Das Meer rauscht, die Berge singen, der See ruft – Arte sendet

Ihr ahnt es schon: Hätte Arte das Konzept abgeschmettert, hätten wir keine Acts wie Bosse, Meute oder Joris gewinnen können, wären wir in Telkos und Mailverläufen ertrunken, würde ich diesen Beitrag nicht verfassen. Das Zeitgleich Festival 2020 findet statt. Acht Stunden Live-Stream, 15 Acts, Bühnen quer durch die Republik, eine Austragung im Rotationsprinzip. Am 1. August 2020 wird die aufwendige Produktion in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Sollution umgesetzt; auch einen TV-Zusammenschnitt auf Arte soll es im Nachgang geben. Sogar ein kleines Publikum dürfen wir einladen. Für uns ist klar, dass wir die Rocken am Brocken Familie nach Elend einladen. Was das Zeitgleich Festival für uns ebenfalls heißt:

Das Rocken am Brocken kommt ins Fernsehen!

Wir haben einen Weg gefunden, uns am Brocken gemeinsam einzufinden und unsere Bühnen zu errichten!

Wir haben solidarisch in Zeiten der Krise ein Zeichen für kulturelle Vielfalt und Musik gesetzt!

Damn, das sind wirklich Geister, die ich nicht mehr loswerden möchte.

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Auf sechs Beinen vor dem Staubsaugerrohr fliehen

Ich bin ganz ehrlich: Als frisch gebackene Kulturwissenschaftlerin und langjährige Festivalveranstalterin war der März 2020 keine Glanzstunde für mich. Binnen weniger Tage blickte ich auf Brachland, wo sich einst mein (angestrebtes) Arbeitsumfeld blühend erstreckte. Booking toller Acts, die sich im Tourbus drängen, Gruppenkuscheln am Brocken und ein Berufseinstieg in der Kultur- oder Medienbranche? Oh well.

„Die haben doch eine neue EP gedroppt, oder?“

Als Kulturwissenschaftlerin bin ich das, was heute gern das Label des „Generalists“ oder auch „Multipotentialists“ auf die Stirn geklebt bekommt. Wir können überall ein wenig mitreden („Wie schon in Foucaults Idee des Panoptismus thematisiert …“ aber auch „Wenn du die KPIs nicht anständig definierst, müssen wir vom ROI gar nicht reden“), haben alles schon mal gemacht („Als ich damals bei fritz-kola gearbeitet habe …“ oder „Als ich damals in Vilnius gewohnt habe“) und kennen uns gut aus („Die haben doch gestern erst ihre neue EP gedroppt, oder?“). Corona machte jedoch selbst uns Alles-und-Nichts-Könner*innen das Leben schwer.

Hinkende Weberknechte, die vor dem Staubsaugerrohr fliehen

Bevor ich diesen Begriff überhaupt kannte, hatte ich manchmal das Selbstbild einer Spinne im Kopf. Bitte was? Ja, genau. Gleich einem Weberknecht gehe ich beruflich auf vielen Beinchen durch die Welt. Und das bedeutet: Wenn da mal eins nicht einsatzfähig ist, kein Problem!

Keine Ahnung, ob dieser Vergleich anatomisch bei Spinnen überhaupt aufgeht (Können die auf sechs oder gar vier Beinen auch vor dem Staubsaugerrohr fliehen?), das ist jedoch Nebensache. COVID riss mir – ich bin da ganz ehrlich – gleich mehrere Beinchen weg, ich konnte jedoch weiterhin beispielsweise auf das Standbein des digitalen Journalismus, der Konzeption neuer (Online-)Formate und auf Skills in Sachen Contentmanagement blicken. Ins Hinken bin ich auf jeden Fall geraten, völlig bewegungsunfähig wurde ich jedoch nicht.

Auf ins Morgenland!

Und so trug es sich zu, dass die lädierte Spinne mit der Energie von fünf Wochen Malaysia und einer selbstauferlegten Quarantäne zur Content-Managerin des Morgenland Festivals in Osnabrück wurde. Für rund einen Monat durfte ich mit dem wahnsinnig herzlichen Team des Festivals den Relaunch der Website des Festivals unterstützen. Diese bekam neben einem neuen Anstrich beispielsweise ein Archiv, in dem man auf die jahrelange Geschichte des international agierenden Festivals zurückblicken kann.

Im Rahmen des Projektes habe ich also liebevoll Metadaten gepflegt, spielte mit der Gestaltung der Pages und lernte, wie man die Hauptstadt Kasachstans richtig schreibt. Herausgekommen ist eine schöne neue Homepage, Lust auf Musik aus dem Morgenland und ein gestärktes Spinnenbein. Gar nicht so übel, oder?

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Das Grundrauschen eines ungewöhnlichen Sommers

Die Umarmung fehlt, die Herzlichkeit keineswegs: So finden sich Vertreter*innen des Appletree Garden Festivals, SNNTG Festivals und wir vom Rocken am Brocken Festival vor einiger Zeit zusammen. Online versteht sich, auf Zoom, um 11 Uhr vormittags, die Kamera läuft. Wir sprechen über den Status Quo der Festivallandschaft und wagen einen schüchternen, aber dennoch hoffnungsvollen Blick in die Zukunft unserer Branche.

Ich habe bei diesem Gespräch eine Doppelmission: Ich spreche als Mitveranstalterin des Rocken am Brockens angeregt mit, dabei fliegt meine Hand jedoch auch über das karierte Papier meines Notizblocks. Denn aus dem Gespräch soll auch ein Artikel für Hoeme, dem Magazin für Festivalkultur entstehen. Und genau das ist passiert. Ein Dialog über Ängste und Chancen, online und offline, Zukunft und Gegenwart. Für mich war die Position als Schreiberin und Rednerin neu – sie hat mich gezwungen, Genregrenzen einzureißen und meine Person als Autorin beim Lesen spürbar zu machen. Das Ergebnis lest ihr hier. Viel Spaß!

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State of the Art: Korrekturlesen

Die Krise hat viele Namen: Corona, COVID-19, Pandemie, unsichtbarer Feind. Genauso vielfältig wie die Rahmungen des weltweiten Virus, waren und sind auch die Aktivitäten, die mein soziales Umfeld unternommen hat, um zwischen #socialdistancing und #homeoffice nicht den Verstand zu verlieren. Heute kenne ich die Sauerteigrohlinge meiner Freund*innen beim Vornamen (Otto, Hans …) und weiß, dass das Homeworkout von Pamela Reif ungeschlagen sein soll. Ich habe die kondobereinigten Kleiderschränke meiner Liebsten zur Genüge im Social Web betrachtet und fleißig die stay-at-home-Produktionen meiner muskalischen Freund*innen geteilt. Natürlich habe auch ich die obligatorische „Zu verschenken“-Box auf die Straße gestellt, Granola selbst gemacht und auch die ältesten Urlaubsbekanntschaften angerufen.

Ich habe die Zeit der selbstauferlegten Quarantäne aber auch für meine berufliche Weiterbildung genutzt. Mit dem Seminar „Korrekturlesen von Texten – worauf Sie achten sollten“ von SUPPORT – Texte im Fokus bin ich nun gewappneter denn je, eure Texte nicht nur inhaltlich, sondern auch in Sachen Rechtschreibung auf Vordermann zu bringen. Das Seminar enthielt auch Tipps und Tricks zu den Themen Typographie und Layout.

Ich freue mich drauf, das Aufgefrischte und neu Erlernte in die Tat umzusetzen!